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“Das Trauma liegt im Nervensystem”

 

Peter A. Levine

 

Der Idealfall im Rhythmus

Unser Nervensystem arbeitet, wie viele andere Systeme in unserem Körper, in einem Rhythmus. Wird dieser Rhythmus durch eine Herausforderung gestört, wird das Nervensystem aktiviert (der Sympathikus). Das heisst, es „macht mobil“, wappnet sich, und schüttet dabei verschiedene Stoffe in den Körper aus wie Adrenalin und Cortisol, damit unsere Muskeln und Reflexe gut arbeiten können, und genügend Energie zur Verfügung steht. Damit schaltet es in einen sogenannten „Fight or Flight“-Modus, und ist fähig, die Herausforderung entweder anzupacken und zu (be)kämpfen, oder umgekehrt zu fliehen, um sie zu vermeiden. Manchmal sind diese unsere Kampf-oder Flucht-Reflexe buchstäblich überlebenswichtig!

Im Idealfall haben wir mit dem Sympathikus also genügend Kraft und Ressourcen, um die nötige Aufgabe und Herausforderung anzupacken, und zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

Danach fährt das Nervensystem wieder herunter (der Parasympathikus), um uns die benötigte Ruhezeit und Erholung zu verschaffen.

So sieht – etwas vereinfacht – der Idealfall aus.

 

Die Tierstudien

Peter Levine hat sich vor allem am Anfang viel mit Tierstudien befasst. Ein besonders eindrückliches Beispiel für diese natürlichen Abläufe ist eine Antilope, die von einem Löwen gejagt wird: In einem ersten Schritt wird sie rechtzeitig gewarnt – ein gesundes, gut funktionierendes Frühwarnsystem ist dabei sehr hilfreich – und entscheidet danach blitzschnell, ob Kampf oder Flucht angebracht ist. In ihrem Fall ist Flucht natürlich die sinnvollere Wahl.

Dann gibt die Antilope alles, rennt um ihr Leben und versucht, mit List und Haken und maximaler Höchstgeschwindigkeit zu entkommen. Dies braucht natürlich eine unglaubliche Menge an Energie, und manchmal entkommt sie damit auch tatsächlich.

Ist hingegen der Löwe schneller, dann geschieht etwas Faszinierendes und Wunderbares: Die Antilope lässt sich kurz vor dessen Zubeissen im Bruchteil von einer Sekunde wie tot zu Boden fallen: Sie schaltet in den „Freeze“-Modus, einen Zustand der Erstarrung. Dabei werden im Körper Stoffe freigesetzt, die das Schmerzempfinden reduzieren. Falls der Löwe also tatsächlich zubeisst, empfindet sie weniger Schmerz. Auch braucht der Löwe Aggression, um zupacken zu können, denn die Natur hat ihn gelehrt, dass etwas Totes zu fressen unbekömmlich ist. Die Antilope hat mit dem Erstarrungszustand also durchaus eine Chance, vielleicht doch noch zu entkommen.

 

HIER ein kurzes Video (2.05), zwar nicht von einer Antilope, sondern von einem Opossum, das mit dem Freeze-Modus tatsächlich entkommt. Auch diese Gazelle entkommt dadurch einem Gepard und einer Hyäne (0.32).

 

Peter Levine hat sich nun folgende Fragen gestellt: Warum steht die Antilope auf, wenn sie Glück hatte und der Löwe sich davon gemacht hat, und lebt weiter, wie wenn nichts geschehen wäre? Wie ist ihr Organismus fähig, einen Energiepegel, der innerhalb eines Bruchteils von einer Sekunde von 150 km/h auf 0 zusammensackt, zu verkraften? Und das alles in einer höchst lebensbedrohenden, also äusserst traumatischen Situation?

Forschungen lieferten schliesslich die Antwort: Das Nervensystem schüttelt diese ungeheure Menge an Flucht-Energie einfach ab. Es bebt, zittert, und zuckt. Damit wird alle überschüssige Energie aus dem Nervensystem entladen, so dass diese Energie nicht stecken- und zurückbleiben kann.

 

Auch hierzu gibt es einen schönen kurzen Film mit einem Eisbären (0.34), der in diesem Fall von einem Helikopter gejagt und mit einem Gewehr narkotisiert werden musste. Er schaltet hier zwar nicht von selbst in den Freeze-Modus, aber eine gewaltsame Narkose ist selbstverständlich auch ein überwältigendes Ereignis. Seine körperlichen Entladungs-Reaktionen sind sehr gut zu beobachten. Es wird auch deutlich, wie er durch Laufbewegungen seine so abrupt abgebrochene Flucht zu Ende bringt und abschliesst. Dies ist eines der Ziele, die Somatic Experiencing anstrebt, denn gerade auch durch das Abschliessen nicht getätigter Flucht- und Abwehrreaktionen wird blockierte Energie im Nervensystem gelöst und wieder langsam freigesetzt (die ganze, ausführlichere Sequenz des Eisbärs ist im Video „Nature’s Lessons in Healing Trauma“ von Peter Levine zu sehen).

 

Und hier gleich noch einmal, das „Entladen“ eines Impala (ab ca. 2.58).

 

 

Es kommen hier also zwei ganz verschiedene Zustände zusammen: Vollgas – zuerst die Höchstgeschwindigkeit der Flucht – und dann die Vollbremsung, die Erstarrung. Beide gleichzeitig! Energie wird damit im Nervensystem sozusagen „gefroren“. Wenn sie sich nicht entladen kann, bleibt sie dort stecken.

 

Schön und gut! Aber was hat das nun mit uns Menschen zu tun?

Erstens – die Reflexe und Reaktionen in einer gefährlichen und lebensbedrohenden Situation kommen bei uns aus demselben Bereich des Gehirns wie bei den Tieren, dem Stammhirn. Sie gehören also zu unserer „tierischen Natur“, wenn man so sagen will. Zweitens – geschieht bei vielen Ereignissen bei uns genau dasselbe. Und dabei ist es egal, ob es sich um eine Narkose (überwältigend), ein emotionales Trauma wie z.B. eine Blossstellung vor der ganzen Klasse in der Vergangenheit (zu heftig) oder einen alltäglichen Unfall wie einen Sturz handelt (zu schnell).

Um gleich beim Beispiel eines Sturzes zu bleiben: Jemand stolpert also über ein Hindernis, versucht sich abzustützen, aber es „reicht nicht mehr“, und er oder sie schlägt mit voller Wucht auf dem Boden auf. Man bekommt vielleicht erstmal kaum noch Luft, oder wird sogar bewusstlos.

Zuerst ist da eine volle Aktivierung (Sympathikus) – ein Ausweichen-Wollen vielleicht, und/oder Reflexe, sich abzustützen, um nicht aufzuprallen. Und alle diese Handlungen, Prozesse und Reflexe, die da blitzschnell in uns ablaufen, benötigen eine grosse Menge an Energie, die unser Körper plötzlich zur Verfügung stellen muss – das Vollgas. Aber wenn es „nicht mehr reicht“ – dann steht das System plötzlich auf Null – die Vollbremsung. Und zwar beides – Vollgas und Vollbremsung – gleichzeitig! Denn diese Energie ist eben nicht „weg“, sondern immer noch vorhanden, gebunden im Nervensystem. Diese Energie muss sich jetzt langsam ausschütteln, oder sonstwie entladen, sonst bleibt sie dort stecken.

Eines der Werkzeuge von SE ist also das Entladen der im Nervensystem gebundenen Energie, so dass sie uns wieder zur Verfügung steht. Das geschieht wie gesagt über den Körper, resp. über Körperempfindungen, und das Körpergedächtnis. Damit sind Dinge gemeint wie z.B. Kribbeln, Hitzewellen, oder das Gefühl, dass der eine Fuss vielleicht etwas weiter nach aussen gedreht auf dem Boden steht als der andere. Und wenn man dann weiter behutsam, langsam und ganz bewusst hinspürt, dann erinnert sich der Körper auch ganz von selbst wieder an die Bewegungen und Abläufe, die er damals machen wollte, um sich z.B. vor dem Aufprall abzustützen: Der Ellbogen wollte sich z.B. zuerst leicht nach rechts drehen, die Handfläche sich nach aussen richten, und der Unterarm sich langsam strecken – wenn sich solche Abläufe vollenden und abschliessen können, kann sich die dazu benötigte und gebundene Energie langsam wieder freisetzen. Und steht uns fortan für andere, und schönere, Dinge zur Verfügung!

 

Wundervolle Selbstheilungskräfte

Es ist mir wichtig zu betonen, dass unser Körper über wirklich sensationelle und wundervolle Selbstheilungskräfte verfügt! Nicht bei jedem Sturz, den wir nicht ganz sauber abfangen konnten – um bei diesem Beispiel zu bleiben – bleibt also Energie im Nervensystem zurück. Ob das geschieht oder nicht, hängt ganz davon ab, wie gut wir gelernt haben zu regulieren. Das heisst, wie gut unser Nervenssystem, resp. Sympathikus und Parasympathikus, zusammenspielen. Es gibt Menschen, die verbringen die meiste Zeit ihres Lebens in einer Art Alarmzustand – bei ihnen ist der Sympathikus dann nach einer Weile total überfordert, und das „Runterfahren“ in einen Zustand der Ruhe fast nicht mehr möglich. Andere leben nah an der Grenze zum ganz „weggehen“, dem Freeze, weil es ihnen schnell zu viel wird. Im SE wird daher viel Pendeln geübt, damit das Nervensystem wieder lernt, beides zu nutzen – und natürlich immer dann, wenn das Jeweilige auch sinnvoll ist.

Das Ziel kann niemals sein, fortan alle Herausforderungen möglichst schon im Vorfeld zu vermeiden oder aus dem Weg zu räumen. Krisen und Lernaufgaben wird es immer geben im Leben, und damit auch Stürze. Wichtig ist, dass wir diese Ereignisse regulieren können, so dass wir uns nach einer Herausforderung – wie die Antilope – etwas zittern und schütteln, um danach aufzustehen, und weiterleben zu können, und zwar ganz ohne belastende Erinnerungen, die uns einschränken. Das ist lernbar und nennt sich Resilienz. Mit einer grossen Resilienz aber stecken wir solche Ereignisse nicht nur viel leichter und schneller weg, wir lassen damit auch keine blockierte Energie mehr im Nervensystem zurück.

 

Meine Aufgabe

Meine Aufgabe ist es, Sie bei diesem Prozess zu begleiten. Im Nervensystem gebundene Energie langsam zu lösen, und damit zurückzuholen. Das ist ein wundervolles Erlebnis – denn dann kommt damit auch soviel Lebensfreude zurück, Begeisterung, Leidenschaft und Authentizität! Wahre Leben-digkeit.

In diesem Sinne ist Somatic Experiencing natürlich noch so viel mehr als lediglich Entladung! Sondern auch ein Weg zu sich selbst, zu mehr Authentizität, und damit zur eigenen Mitte ganz im Da-Sein.

Sind Sie weiterhin neugierig?

Vielleicht ist SE ja auch etwas für Sie?

 

Dieses wundervolle Foto ist von Janine Grab-Bolliger, die Bearbeitung durch Joujou, via pixelio.de.